Risse in der Wand spachteln: Ursache erkennen und füllen
Nicht jeder Riss gehört zugespachtelt. Wie Sie Putzrisse, Setzungsrisse und Dübellöcher auseinanderhalten, welches Material wohin gehört und ab wann ein Fachbetrieb den Schaden beurteilen sollte.
Bevor Sie einen Riss in der Wand spachteln, lohnt sich eine Minute Diagnose. Ein haarfeiner Putzriss über der Türlaibung ist Kosmetik und in zwanzig Minuten erledigt. Ein zwei Millimeter breiter Riss, der diagonal durch die Wand läuft und sich auf der Außenseite fortsetzt, ist ein Bauwerksschaden. Wer den zuspachtelt, sieht ihn nach dem nächsten Winter wieder, nur breiter. Die Unterscheidung ist mit bloßem Auge in den meisten Fällen möglich.
Rissarten unterscheiden
Drei Fälle decken fast alles ab, was in Wohnräumen auftaucht.
Putz- und Schwindrisse sind oberflächlich. Sie verlaufen netzartig, unregelmäßig verzweigt oder als feine Linie, sind meist schmaler als 0,2 Millimeter und enden im Putz, ohne das Mauerwerk zu erreichen. Ursache ist das Austrocknen des Putzes oder ein zu fetter Mörtel. Sie treten auch Jahre nach dem Bau noch auf, bleiben aber stabil. Diese Risse dürfen Sie bedenkenlos selbst schließen.
Anschluss- und Fugenrisse sitzen immer dort, wo zwei Bauteile aufeinandertreffen: Wand an Decke, Leichtbauwand an Massivwand, Türzarge an Putz, Stoßfuge zwischen zwei Gipskartonplatten. Die Bauteile arbeiten unterschiedlich stark, deshalb reißt die Naht auf. Mit starrer Spachtelmasse gefüllt reißt sie erneut, oft schon nach wenigen Monaten.
Setzungs- und Bewegungsrisse kommen aus der Konstruktion. Typische Merkmale: Der Riss verläuft diagonal, oft von einer Fensterecke oder Türecke ausgehend, folgt im Sichtmauerwerk treppenförmig den Fugen, ist über seine Länge unterschiedlich breit und setzt sich über Bauteilgrenzen hinweg fort. Häufig gehen Türen oder Fenster im selben Bereich schwerer zu. Diese Risse sind kein Spachtelthema.
Der Test, ob sich etwas bewegt
Wenn Sie unsicher sind, ob ein Riss noch arbeitet, kleben Sie quer über den Riss zwei kleine Gipsmarken oder einen Streifen dünnes Papier, datieren Sie beides mit Bleistift und schauen nach drei Monaten nach, besser nach einem halben Jahr über Winter und Sommer hinweg. Bleibt die Marke heil, ist der Riss zur Ruhe gekommen und darf starr verfüllt werden. Reißt sie, arbeitet das Bauteil weiter.
Ein zweiter Anhaltspunkt ist die Breite. Risse bis etwa 0,5 Millimeter, die Sie mit dem Fingernagel kaum ertasten, sind in aller Regel harmlos. Alles, was deutlich über einen Millimeter geht, gehört angeschaut, bevor Spachtelmasse hineinkommt.
Wann ein Fachbetrieb ran muss
Holen Sie einen Statiker, Bausachverständigen oder zumindest einen Maurerbetrieb dazu, wenn eines davon zutrifft: Der Riss ist breiter als ein Millimeter und wird mit der Zeit breiter. Er läuft diagonal durch eine tragende Wand oder treppenförmig durchs Mauerwerk. Er zeigt sich an derselben Stelle innen und außen. Türen oder Fenster klemmen neuerdings. Der Riss ist feucht oder der Putz schallt beim Abklopfen hohl auf größerer Fläche. Auch Risse in Decken, besonders bei Holzbalkendecken, und Risse im Außenputz eines Wärmedämmverbundsystems sind kein Fall für den Füllspachtel, weil dort Feuchtigkeit in die Konstruktion läuft.
Ein Ortstermin mit Rissprotokoll kostet bei einem Sachverständigen einen dreistelligen Betrag. Verglichen mit einer Sanierung, die man zu spät beginnt, ist das gut angelegt.
Material und Werkzeug
- Füllspachtel auf Gipsbasis als Sackware zum Anrühren, für tiefe Löcher und größere Mengen
- Fertigspachtel im Eimer, feinkörnig, für die letzte dünne Lage und kleine Stellen
- Dauerelastisches Acryl (überstreichbar) für Anschlussfugen
- Tiefengrund, also eine dünnflüssige Grundierung, die saugenden Untergrund festigt
- Japanspachtel in zwei Breiten (etwa 6 und 12 cm), Glättkelle bei Flächen
- Fugendeckstreifen oder Glasfasergewebeband für Anschlüsse und breitere Risse
- Cuttermesser oder Dreieckschaber zum Öffnen des Risses, Pinsel zum Entstauben
- Schleifgitter Körnung 120 und 180, Staubmaske FFP2, Handlampe für Streiflicht
Gipsbasierte Spachtelmassen gehören nicht in Dauerfeuchtebereiche wie die Duschnische. Dort arbeiten Sie mit Zementspachtel. Und rühren Sie Gipsspachtel nur in der Menge an, die Sie in rund 20 Minuten verarbeiten, danach steift die Masse an und lässt sich nicht mehr sauber abziehen.
Dübelloch schließen
Den Dübel nicht abschneiden und überspachteln. Ziehen Sie ihn mit einer Schraube und Zange heraus oder treiben Sie ihn mit einem Durchschlag ein paar Millimeter tief in die Wand. Dann die Lochränder mit dem Cutter von losem Putz befreien, mit dem Pinsel ausfegen und mit verdünntem Tiefengrund benetzen, sonst entzieht die saugende Wand der Spachtelmasse das Wasser und der Füllspachtel wird mehlig.
Anschließend in zwei Durchgängen füllen. Gipsspachtel schwindet beim Trocknen leicht, ein in einem Zug randvoll gefülltes Loch bekommt eine kleine Delle. Also erst grob füllen und leicht überstehen lassen, nach dem Durchtrocknen plan abziehen. Trockene Stellen mit 180er Gitter überschleifen, Staub abwischen, Stelle grundieren, sonst zeichnet sich der Spachtelfleck durch die Farbe ab, weil er anders saugt als die Altwand.
Putzriss sanieren
Feine Risse werden zuerst geöffnet, nicht zugeschmiert. Ziehen Sie den Riss mit der Spitze eines Dreieckschabers oder Cuttermessers V-förmig auf etwa drei bis fünf Millimeter Breite auf. Das klingt verkehrt, ist aber der entscheidende Schritt: Nur so bekommt die Spachtelmasse Flanken zum Haften. Danach ausbürsten, grundieren, trocknen lassen.
Dann füllen und mit dem breiten Spachtel in einem Zug abziehen. Bei Rissen, die länger als etwa einen Meter sind oder schon einmal aufgerissen waren, legen Sie in die erste noch feuchte Lage ein Gewebeband ein und spachteln es mit einer zweiten, breiteren Lage zu. Die zweite Lage läuft gut zehn Zentimeter über den Riss hinaus, sonst sieht man später im Streiflicht eine Rille.
Schleifen erst, wenn die Masse wirklich durch ist. Dünne Lagen sind nach vier bis sechs Stunden so weit, dicke Füllungen brauchen über Nacht. Für die Kontrolle halten Sie eine Lampe flach an die Wand: Im Streiflicht sehen Sie jede Welle, die unter Deckenlicht unsichtbar bleibt und nach dem Streichen auffällt.
Anschlussfugen gehören nicht gespachtelt
Die Fuge zwischen Wand und Decke, zwischen Türzarge und Putz oder entlang einer Trockenbauwand füllen Sie mit überstreichbarem Acryl. Fuge öffnen, entstauben, Acryl in einem gleichmäßigen Strang einziehen, mit dem feuchten Finger oder einem Fugenglätter abziehen und mindestens 24 Stunden durchhärten lassen, bevor Farbe darüber kommt. Acryl bleibt elastisch und nimmt die kleine Bewegung auf, an der starre Spachtelmasse scheitert.
Typischer Fehler an dieser Stelle: Silikon statt Acryl. Silikon lässt sich nicht überstreichen, die Farbe perlt ab oder blättert später. Silikon gehört in Nassbereiche und an Sanitärobjekte, nicht in die Wandfuge im Wohnzimmer.
Aufwand und Kosten
Ein Sack Füllspachtel von fünf Kilogramm liegt im einstelligen Eurobereich und reicht für etliche Dübellöcher. Teurer wird es durch Grundierung, Gewebeband und die Farbe, denn eine einzelne reparierte Stelle lässt sich selten unsichtbar einpinseln. Rechnen Sie damit, dass Sie die Wandfläche bis zur nächsten Kante oder Ecke neu streichen.
Zeitlich sind zehn Dübellöcher eine knappe Stunde Arbeit plus Trocknungszeiten über Nacht, ein zwei Meter langer Putzriss mit Gewebe kostet zwei Arbeitsgänge an zwei Tagen. Wer einen Malerbetrieb beauftragt, zahlt solche Kleinreparaturen nach Aufwand; die Anfahrt macht dabei oft einen spürbaren Teil der Rechnung aus, weshalb es sich lohnt, mehrere Stellen zu sammeln und in einem Termin erledigen zu lassen.